Wald und die "Restnatur"
Alte indianische Weisheit:
"Zuerst stirbt der Wald, dann der Mensch."
"Kyrill ist der Name des Orkans, der am 18. und 19. Januar 2007 über weite Teile
von Europa fegte und in Böen Windgeschwindigkeiten von bis zu 225 km/h erreichte.
Der Sturm forderte 47 Todesopfer und führte zu Sachschäden in Millionenhöhe.
Betriebe, Kindergärten, Schulen und Universitäten mussten geschlossen bleiben,
weil es zu erheblichen Beeinträchtigungen im Energie- und Verkehrssektor gekommen war.
Über eine Million Menschen waren zeitweilig ohne Strom, Flüge mussten gestrichen und
Fährverbindungen eingestellt werden. Der Bahnverkehr war in einigen Teilen Mitteleuropas
nahezu vollständig lahm gelegt.
Was hat Kyrill mit dem heimischen Wald und der Restnatur zu tun? Sehr viel, denn Kyrill
hinterließ katastrophale Folgen, die heute noch zu sehen sind!
In der BRD allein fielen rund 37 Millionen Kubikmeter Holz dem Sturm zum Opfer.
Die größten Schäden warten in den Wäldern von Nordrhein-Westfalen zu verzeichnen.
12 Millionen Kubikmetern oder 25 Millionen Bäumen - etwa die Hälfte des deutschen bzw.
ein Drittel des europäischen (30 Mio. Kubikmeter) Verlustes – waren zu beklagen.
Im Thüringer Wald, wo der Orkan ebenfalls sehr heftig zuschlug, rechnet man mit etwa 500.000
Festmetern, also etwa 215.000 Tonnen Sturmholz. Er hinterließ in Thüringen 6300 ha Kahlflächen,
4700 ha gelichteten Wald und verstreute Baumwürfe auf 200000 ha.
Die Gründe für diesen Schaden sind jedoch nicht nur Kyrill zu zuschreiben, denn viele Baumbestände
waren bereits durch die Jahrzehnte andauernde Luftverschmutzung und den saueren Regen vorgeschädigt.
Etwa ein Drittel der Fläche der Deutschlands ist bewaldet. Das klingt viel, doch vor ein paar
Jahrhunderten waren es noch 90 Prozent. Vor allem hat sich der deutsche Wald unter dem Einfluss
des Menschen verändert – gezwungenermaßen! Naturbelassne Waldgebiete gibt es kaum noch.
Sie mussten nach und nach dem so genannten Nutzwald weichen. Hier wird aufgeforstet und gerodet,
um den unersättlichen Holzbedarf zu decken.
Jeder Deutsche verbraucht im Jahresdurchschnitt etwa einen Kubikmeter Holz: Papier, Baumaterial,
Möbel, Fußböden oder Bretter. Vor allem Papier für Zeitungen, Magazine und Tausende Werbebroschüren
macht etwa ein Drittel des Holzbedarfs aus. Weil die Nachfrage schneller wuchs als der Wald,
ging man dazu über, schnell wachsende Bäume, wie zum Beispiel Fichten aufzuforsten. Die Folge davon war,
dass die natürlichen und robusten Mischwälder drastisch abnahmen und mit ihm die Bestände vieler Tierarten,
denn je vielfältiger der Wald ist, desto mehr Tierarten bietet er eine Heimat.
Anfang der 1980er Jahre beherrschten Schlagzeilen wie etwa "Der Wald stirbt" die Medien.
Der Wald hatte unter dem saueren Regen gelitten, weil die Industrie und Privathaushalte zu sorglos
Schwefelwasserstoffe und andere Gifte in die Luft gepumpt hatten. Vor allem die schwefelhaltigen Abgase
der Braunkohlekraftwerken der ehemaligen DDR setzten dem deutschen Wald schwer zu.
Forstwissenschaftler prognostizierten, dass um die Jahrhundertwende kaum nicht ein Baum vorhanden wäre.
Erstaunlicherweise reagierte die Politik: Der Industrie wurden Filteranlagen verordnet, dem Autofahrer
Katalysator und bleifreies Benzin. Der Wald schien vorerst gerettet! Trotzdem ist das kein Grund zur Entwarnung,
denn unbestritten ist, dass es im Wald immer noch riesige Probleme gibt.
Heute sind es die Stickstoffverbindungen aus der Massentierhaltung und die industriellen Abgase,
die über die Luft und Regen in den Waldboden gelangen. Stickstoffverbindungen sind aber das Leibgericht des Waldes.
Die so gedüngten Bäume wachsen schneller als normal und sind anfälliger für Krankheiten und Insekten geworden.
Die Bundesregierung brüstet sich zwar mit einer "leichten Erholung" der Wälder, aber der BUND kommt zu
einem ganz anderen Ergebnis: Von einer Verbesserung des Waldzustandes kann keine Rede sein! Zwei Drittel
des Waldes – dieser winzigen Restnatur, die Mensch und Tier geblieben ist - sind inzwischen signifikant geschädigt.
Ein viertel der kranken Bäume gelten sogar als schwer geschädigt. Industrielle Emissionen wie die giftigen
Stickoxide und Ammoniak verseuchen weiterhin die Waldböden und das Grundwasser. Orkane, tropische Hitzeperioden,
Ozon, Trockenheit und Insekten tun ihr übriges.
Wir fordern von der Regierung Maßnahmen, um den Wäldern und der Restnatur zu helfen. Klimapolitik
sowie Landwirtschafts- und Verkehrspolitik müssen angemessen an den Bedürfnissen der Natur ausgerichtet werden.
Aufforstung von gesunden Mischwaldbeständen wäre der erste Schritt, die Vergrößerung von Waldregionen
(Naturschutzgebiete mit Sonderstatus) – ohne jede forstwirtschaftliche Nutzung der zweite Schritt und
drittens ein Jagdverbot in diesen Gebieten, so dass sich das natürliche Gleichgewicht zwischen Wald und
Wild selbst regulieren kann.
Der Mensch ist nicht da Maß aller Dinge!